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»Der Moment, wenn alle am Set stehen, und die erste Szene ist im Kasten.«

Sema Kara

Eine Filmrechte-Fachfrau erzählt

Am 24. Juni wird in Berlin der Deutsche Filmpreis verliehen. Für einen der nominierten Filme, »Der Pfad«, lieferte cbj Autor Rüdiger Bertram die gleichnamige Romanvorlage. Im Oktober startet eine sechsteilige Netflix-Serie, basierend auf dem Thriller »Totenfrau« von Bernhard Aichner, Autor bei btb. Und gerade haben die Dreharbeiten zur Serienverfilmung von Rainer Maria Schießlers Bestseller-Autobiografie »Himmel, Herrgott, Sakrament« begonnen, die bei Kösel erschien. Mehrere gute Gründe also, um mit unserer Kollegin Sema Kara (Rights Manager Film und Bühne) darüber zu sprechen, wie sich das Geschäft mit Verfilmungslizenzen in den letzten Jahren gewandelt hat. Wir wollten wissen, was auf dem Weg vom unterschriftsreifen Lizenzvertrag bis zum ersten Drehtermin eines Spielfilms oder einer Serie passiert.

Drehstart Totenfrau

Drehstart der ORF/Netflix Serie "Totenfrau"

»Film- und Buchbranche waren sich schon immer nah.«

Sema, wenn man eine Buchhandlung betritt, hat man den Eindruck, immer mehr Serien dringen in die Welt der Bücher ein – oder ist es umgekehrt? Stimmt es eigentlich, dass immer mehr Buchstoffe verfilmt werden?

Sema Kara: Das ist definitiv so. Seitdem Serien auf unterschiedlichsten Streaming-Plattformen und Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender boomen, wird die Nachfrage nach verfilmbaren Stoffen immer größer. Manche Produktionsfirmen verfilmen mittlerweile schon zu 90 Prozent Buchvorlagen, denn Originalstoffe können diesen Bedarf an Content kaum mehr decken. Insgesamt basieren fast die Hälfte der Serienproduktionen auf Büchern. Das ist eine Entwicklung, die sich seit etwa fünf bis acht Jahren abzeichnet – und sie wurde maßgeblich von den Streaming-Anbietern befeuert.

Film- und Buchbranche waren sich schon immer nah, habe ich das Gefühl, schließlich gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Literaturverfilmungen. Aber im Laufe der Jahrzehnte wurden die Beziehungen immer enger. Die Berlinale z. B. hat mit »Books at Berlinale« Formate etabliert, auf denen Verlagsleute bzw. Literaturagent*innen ausgewählte Titel für Produktionsfirmen pitchen können. Auch Streamer streben vermehrt lokale Produktionen an, Netflix hat auf der ganzen Welt Büros, um zum Beispiel deutschsprachige Inhalte für die ganze Welt verfügbar machen. »Totenfrau«, der Thriller unseres österreichischen Autors Bernhard Aichner, startet 2022 auf Netflix. Das ist schon eine sehr interessante Entwicklung.

Was heißt das für das Filmlizenzgeschäft?

Produktionsfirmen greifen immer stärker auf bereits veröffentlichte Buchvorlagen zurück, seien es fiktionale oder non-fiktionale. Dabei achten sie sehr genau darauf, wie erfolgreich ein Buch zuvor war, das minimiert bei einer Filmproduktion das oft hohe finanzielle Risiko. Kernzielgruppe der Verfilmung sind die, die bereits Fan der Buchvorlage sind, man nennt das »built-in audience«. Bestes Beispiel sind die »Harry-Potter«-Verfilmungen, die auf dem Welterfolg der Bücher aufsetzten, »Unorthodox« von Deborah Feldman ist auch so ein Fall. Das Buch erschien 2017 und war bereits ein Bestseller, als es als Netflix-Serie verfilmt wurde. Wir haben dann die Lizenz fürs Taschenbuch erworben und brachten es zum Start mit dem Serien-Artwork heraus. Danach stieg der Titel nochmal auf der Bestsellerliste ein.

Was spricht aus Sicht der Serienproduzenten dafür, vermehrt auf Buchstoffe zu setzen?

Serien werden über längere Zeiträume konsumiert und haben gegenüber Spielfilmen den großen Vorteil, mehr Facetten einer Handlung oder eines Protagonisten nachbilden zu können, so wie in einem umfangreicheren Buch. Ein Spielfilm fokussiert sich auf einzelne Handlungsstränge oder Figuren. Außerdem spielt der Zeitfaktor eine große Rolle. Originalproduktionen brauchen ewig – manchmal über zehn Jahre – bis sie umgesetzt werden. Eine literarische Vorlage bietet da schon sehr viel: die Story, den recherchierten Stoff und die Figurenwelt. Da kann die Produktionsfirma sofort loslegen und sich ans Drehbuchs setzen.

Aber es gibt doch auch bei den Verfilmungen die Fans, die jede Änderung erkennen und alles in Frage stellen – ob jetzt bei »Bridgerton«, »Game of Thrones« oder »Harry Potter«. Auch da weichen die Verfilmungen teilweise extrem von der Buchvorlage ab.

Ich bin selbst »Harry Potter«-Fan. Für mich war das tatsächlich so – ich hatte mir das anders vorgestellt. Harry sah nicht so aus, wie er aussehen sollte in meinem Kopf. Und Hogwarts sah nicht so aus wie das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich finde, als Leserin ist es wichtig, dass man da auf gewisse Art und Weise abstrahiert. Das, was ich mir als Verfilmung vorstelle, ist ja wirklich nur meine Lesart – und das, was ich vor mir sehe, ist eben das, was der Regisseur oder die Regisseurin gesehen und gelesen hat. Eine Verfilmung ist immer ein alleinstehendes schöpferisches Werk. Aber wir wollen natürlich, dass die Fanbase mit einer Verfilmung zufrieden ist, denn das macht sich in den Verkaufszahlen bemerkbar.

Blackout

»Die Filmbranche ist wie die Buchbranche ein People's Business«

Wie weit geht die Zusammenarbeit zwischen Film- und Buchbranche und wieviel Mitspracherecht haben Autor*innen bei der Verfilmung ihrer Werke?

Es gibt verschiedene Grade der Zusammenarbeit. Produktionsfirmen arbeiten grundsätzlich sehr gerne mit Autor*innen zusammen, weil sie nun mal die besten Kenner ihrer Stoffe sind. Nehmen wir Marc Elsberg, dessen Thriller-Bestseller »Blackout« letztes Jahr bei Joyn anlief. Der Plot dreht sich um einen europaweiten Stromausfall. Natürlich holt man sich da zusätzlich Expert*innen und Wissenschaftler*innen ans Set, aber die erste Ansprechperson war immer Marc Elsberg. Er bekam gleich die erste Fassung des Drehbuchs, hat sich ab da regelmäßig mit den Drehbuchautoren getroffen und konnte Vorschläge einbringen. Wie die Zusammenarbeit genau aussieht, wird in einem Options- und Verfilmungsvertrag geregelt. Bei Marc Elsberg war sie sehr intensiv und produktiv, denn er ist sehr medienerfahren und weiß, wie solche Verfilmungsprojekte laufen. Im Grunde gibt es keine Verfilmungen, die entstehen, ohne dass der Autor oder die Autorin, vorher draufgeschaut haben. Immer wieder werden aber Berater*innen-Verträge mit unseren Autor*innen geschlossen.

Grundsätzlich lebt das Ganze immer vom produktiven Miteinander zwischen Filmproduktion und Autor. So auch beim autobiographischen Bestseller »Himmel, Herrgott, Sakrament«, der 2016 bei Kösel erschien: Sein Autor, der Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler begleitet zurzeit beratend die Dreharbeiten zur Verfilmung seines Buchs unter der Regie von Franz Xaver Bogner. Die Serie ist für 2023 für das BR Fernsehen und die BR Mediathek geplant.

Es gibt aber die unterschiedlichsten Varianten. Bei »Der Pfad« waren wir als Verlag wenig involviert, da der Autor Rüdiger Bertram die Filmrechte behielt. Das lag in seinem Fall nahe, weil er als Drehbuchautor bereits Erfahrungen in der Filmbranche hatte und auch am Drehbuch mitschreiben wollte. Die ZDF-Serie »Westwall« war ursprünglich als Drehbuch konzipiert. Dann hat der Autor Benedikt Gollhardt zuerst den Roman geschrieben und bei uns veröffentlicht, und erst danach ging es an die Verfilmung.

Du hast erwähnt, dass es für Produktionsfirmen eine Rolle spielt, ob ein Buch gut verkauft wurde, wenn es um eine Film- oder Serienadaption geht. Aber oft werden die Verfilmungsrechte ja schon vor der Buchveröffentlichung gesichert. Wie kommen die Serienschöpfer*innen denn überhaupt an die Stoffe?

Die Filmbranche ist wie die Buchbranche ein People's Business, also was da wirklich ganz wichtig ist, ist der persönliche Austausch. Ich habe eine riesige Liste an Produktionsfirmen und Scouts, mit denen ich das ganze Jahr über Stoffe rede.

Die Grundvoraussetzung hierfür ist, dass unsere Lektorate die Filmrechte an unseren Buchstoffen einkaufen. Wir haben bei ca. 5 Prozent unserer jährlichen Neuerscheinungen die Filmrechte per Verlagsvertrag, diese verfügbaren Filmstoffe unseres Hauses bündeln wir für jedes Halbjahr und gehen damit auf die Produktionsfirmen zu. Ziemlich individuell gehen wir mit ihnen die Titel durch, die für sie in Frage kommen könnten. Es treten aber auch die Produktionsfirmen mit ihren eigenen Development Executives, die für die Recherche und Akquise von geeigneten Buchstoffen verantwortlich sind, an uns heran und durchkämmen ganz gezielt die Verlagsprogramme.

Dass Filmrechte vor der Veröffentlichung verkauft werden, ist tatsächlich schon Usus im angloamerikanischen Raum. Autor*innen unterschreiben manchmal Buch- und Filmverträge gleich gemeinsam. Literaturagenturen arbeiten dort mittlerweile sehr stark in diese Richtung und sprechen sogar ihre Autor*innen gezielt an: »Hey Soundso, wir wissen, dass diese Produktionsfirma gerade so einen Stoff sucht. Hättest du mal Lust, was in diese Richtung zu schreiben?« So formt das Kaufverhalten der Produktionsfirmen in gewisser Weise also den Entstehungsprozess von literarischen Stoffen. Im deutschsprachigen Raum ist das noch nicht so weit verbreitet. Soweit ich das mitbekomme, schauen die großen deutschsprachigen Verlagshäuser erst einmal, ob der Stoff wirklich als Buch funktioniert. Das ist auch bei uns so.

»Big Little Lies«

»Big Little Lies« basiert auf dem Kriminalroman »Tausend kleine Lügen« von Liane Moriarty.

Reese Witherspoons Literaturverfilmungen: »Das ist gerade das, was alle lesen und dann vielleicht auch sehen wollen.«

Die US-Schauspielerin und Produzentin Reese Witherspoon gilt als wegweisend, was Literaturverfilmungen betrifft. Immer wieder wählt sie Stoffe mit komplexen weiblichen Protagonistinnen, wie z. B. bei »Big Little Lies« oder »The Morning Show«. Und vor allem testet sie oft im Vorfeld die Vermarktbarkeit, indem sie neue Bücher in ihrem Buchclub mit ihren Followern diskutiert.

Ihre Produktionsfirma »Hello Sunshine« verfolge ich auch ein bisschen. Ich habe zuerst die Serie »Big Little Lies« von ihr gesehen, dann auch »Little Fires Everywhere«. Ich fand beides großartig, Ihr Bookclub ist einfach sehr klug gemacht. Durch diesen engen Kontakt zu Konsument*innen bekommt sie schnell mit, in welche Richtung es auch thematisch und inhaltlich geht. Stoffe von Frauen, diversere Stoffe. Und zum Beispiel oft Thriller mit weiblichen Protagonistinnen. Das ist gerade das, was alle lesen und dann vielleicht auch sehen wollen. Auch von der anderen Seite ist das interessant: Es gibt jetzt einen Netflix Bookclub. Superspannend, das umzudrehen und zu sagen, jetzt reden wir über die Buchvorlage.

Welche Stoffe werden denn gerade besonders nachgefragt? Worauf können wir uns einstellen, was in den nächsten Jahren auf die Bildschirme kommt?

Deutschland ist das Thriller- und Crime-Land schlechthin. Krimis faszinieren das Publikum bis heute. Parallel dazu wird im non-fiktionalen Bereich True Crime immer wichtiger bei uns. Aber auch das Thema Diversität hat Konjunktur. Herkunft, Identität, Familie – alles große Themen, denen sich viele Produktionsfirmen von Arthouse bis Mainstream mittlerweile widmen. Diesen Bedarf spiegeln unsere Verlagsprogramme wider. Und wie ich schon sagte, herausragende Verkaufszahlen und gute Platzierungen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste sind für Produktionsfirmen und Sender enorm wichtig. Bestenfalls haben die Vorlagen schon einen gewissen Markencharakter entwickelt.

Wir sollten aber nicht vergessen, dass im Schnitt nur 5 bis maximal 10 Prozent aller Bücher, für die wir Optionsverträge abschließen konnten – also Vereinbarungen, mit denen sich Produzenten Stoffe für einen gewissen Zeitraum sichern –, tatsächlich verfilmt werden. Bis dahin müssen viele Hürden genommen werden: Hat ein Sender Interesse? Steht die Finanzierung und wurden Förderanträge rechtzeitig gestellt? Wurde das richtige Drehbuchteam gefunden, das den Stoff schnell in ein Skript übertragen kann? Usw. Umso schöner ist dann der Moment, wenn alle am Set stehen, und die erste Szene ist im Kasten.

Sema Kara hat Kultur- und Literaturwissenschaften in Würzburg und München studiert und ist seit 2019 bei der Penguin Random House Verlagsgruppe beschäftigt. Seit 2021 arbeitet sie als Rights Manager für Film und Bühne.

Interview: Markus Desaga

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