Aktuelles | 01/10/2022 | Heyne

Wie wollen wir in Zukunft leben?

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Verena Lütschg im Interview über den Dschungel der Technologien von morgen

Verena Lütschg über Nutzen, Gefahren, Chancen, Möglichkeiten der technologischen Innovation

Frau Lütschg, Sie schreiben in ihrem Buch, dass uns Krieg, Hunger und Krankheit weiterhin begleiten werden. Sehen sie sich in der Corona Pandemie darin bestärkt? Und welche Rückschlüsse ziehen Sie für sich und für die Gestaltung der Zukunft daraus?
In der Tat, die Corona-Pandemie ist ein eindrückliches Beispiel für unsere andauernde Auseinandersetzung mit Krankheiten. Und auch dafür, dass wir uns trotz mächtiger Technologien wie der mRNA-Impfstoffe schwertun, eine Pandemie zu kontrollieren. Es ist eben nicht nur ein technologisches, sondern auch ein gesellschaftliches und nicht zuletzt politisches Problem. Unter Wissenschaftlern war klar, dass in absehbarer Zeit wieder eine Pandemie auftreten wird. Umso erstaunter war ich 2020, wie unvorbereitet selbst die Industrienationen waren. Wenn wir für zukünftige Pandemien besser gewappnet sein wollen, müssen wir einerseits das Risiko minimieren, indem wir versuchen, den Sprung neuer Viren von Tieren auf den Menschen zu verhindern, aber auch indem wir Antibiotika verantwortungsvoller einsetzen, um resistente Bakterienstämme zu vermeiden. Andererseits müssen wir deutlich mehr in Vorbereitung und Prävention investieren. Die kommenden Jahrzehnte werden wir uns sicherlich an die Corona-Pandemie erinnern und medizinische Vorräte und Notfallpläne bereithalten, doch ob wir diesmal auch langfristige Lehren aus der Pandemie ziehen, bleibt abzuwarten. Was es außerdem braucht ist eine gute internationale Zusammenarbeit auf politischer wie auch wissenschaftlicher Ebene, bessere Kommunikation und ein generelles Umdenken in der Gesellschaft, was unseren Umgang mit der Natur angeht.
 

Sie sind studierte Molekularbiologin - woher kommt dieses Interesse an der Zukunft mit all ihren Facetten und insbesondere mit dem zukünftigen Technologiegebrauch?
Mich hat schon immer interessiert, wie unsere Welt im Großen zusammenhängt, wie sich die verschiedensten Bereiche wie Kultur, Politik, Wissenschaft und Gemeinschaft gegenseitig beeinflussen. Bei der Molekularbiologie bin ich durch meine Vorliebe für Naturwissenschaften gelandet. Und die Komplexität ist ähnlich, im Prinzip ist eine Zelle wie eine Miniaturwelt und was in nur einer Sekunde in ihr abgeht ist unglaublich. Auch in einer Zelle hängt alles mit allem zusammen, ein winziger Störfaktor kann eine enorme Auswirkung haben. Als dann 2011 von Charpentier und Doudna die gezielte Anwendung der Genschere gezeigt wurde und schnell klar war, welch gewaltiges Potential in diesem Werkzeug steckt, habe ich angefangen, mich immer mehr mit den zukünftigen Auswirkungen von Technologien zu beschäftigen. Die Fragen, die mich dabei am meisten interessieren sind, was technologischer Fortschritt mit unserer Gesellschaft macht, was ein gutes Leben eigentlich ist und wie wir es gestalten können.
Die Zukunft beginnt eben schon morgen und ist daher näher, als uns oft bewusst ist. Wenn wir also morgen noch ein schönes Leben haben wollten, sollten wir uns heute damit auseinandersetzen.

 

Wie groß ist in Ihren Augen die Gefahr, die von einer zunehmenden Technologisierung der Gesellschaft ausgeht?
Zunächst würde ich nicht nur von Gefahren, sondern auch von Chancen reden, denn Technologie ist per se weder positiv noch negativ. Vielmehr hängt die Auswirkung davon ab, wie wir Technologien gestalten und einsetzen.
Wenn wir uns hier die Risiken zum Beispiel von digitalen Technologien anschauen wollen, dann sehe ich die Gefahr, dass sie uns mehr und mehr von der Natur entfremden. Wir haben eben nur eine begrenzte Aufmerksamkeit, die immer mehr von der digitalen Welt gebunden wird und uns weniger Zeit lässt, raus in die Natur zu gehen. Das wirkt sich häufig auf unsere Konzentrationsfähigkeit, unsere mentale und sogar physische Gesundheit aus. Ein weiteres Risiko ist sicherlich, dass wir als Konsumenten digitale Anwendungen zwar bedienen können, aber immer weniger verstehen, wie sie eigentlich funktionieren. Dieses blinde Vertrauen ist vor allem bei Anwendungen, die unser Verhalten etwa bei Kaufentscheidungen oder Meinungsbildung beeinflussen, hochproblematisch. Zudem konzentriert sich das Know-how und durch die Plattform-Ökonomie auch die finanzielle Kraft zunehmend auf einige wenige Konzerne, deren Einfluss und Macht bedenkliche Ausmaße annimmt. Das ist nicht zuletzt für unsere Demokratie eine Herausforderung.

 

Wie binden Sie privat Technologie in Ihren Alltag ein?
Ich arbeite viel digital, daher nutze ich eine Reihe von Anwendungen, die mir helfen, meine Arbeit zu organisieren und meine Effizienz zu steigern. Ich wähle sie allerdings strikt danach aus, dass sie mein Leben wirklich einfacher machen und mir nicht noch zusätzlich Zeit stehlen, was leider bei vielen der Fall ist. Ich nutze Messenger, habe momentan allerdings ein paar Schwierigkeiten, alle meine Kontakte zu überreden von WhatsApp zu einem anderen Messenger zu wechseln, der die Privatsphäre tatsächlich respektiert. Social Media nutze ich nur sehr bewusst, mein Facebook-Account zum Beispiel schläft seit Jahren. Und so faszinierend ich digitale Assistenten finde, Siri & Co haben bei mir nichts zu sagen und erst recht nichts zu lauschen. Dagegen bin ich ein Fan von Apps, die etwa Food Waste bekämpfen, beim Meditieren helfen oder mir Nachrichten und Fakten sauber aufbereiten. An nicht-digitalen Technologien nutze ich zum Beispiel Angebote, die durch Carbon Capture der Atmosphäre CO2 entziehen, um zumindest einen Teil meines CO2-Ausstosses zu kompensieren. Außerdem liebe ich Technologien, die mir ein tolles Klangerlebnis bescheren, also Lautsprecher, Noise-Cancelling-Headphones und ein hochentwickeltes digitales Klavier.

 

Wo sollte die Grenze zwischen moralisch und ethisch vertretbaren Eingriffen in unsere Biologie und Verbesserungen aus reinem Eigennutz und nicht aus gesundheitlichen Gründen gezogen werden?
Das kann ich alleine nicht entscheiden, genau dafür brauchen wir eine gesellschaftliche Diskussion. Beide Seiten haben gute Argumente. Verletzen wir zum Beispiel durch einen solchen Eingriff das Recht unserer Nachkommen auf eine offene Zukunft? Oder haben wir nicht im Gegenteil die moralische Pflicht uns zu verbessern, wenn wir die Möglichkeit dazu haben? Es ist ohne Zweifel eine der schwierigsten Debatten mit der weitreichendsten Auswirkung, die wir führen müssen. Umso wichtiger ist, dass wir sie führen.

 

Welche Tipps würden Sie den Menschen geben, die den Wunsch nach Individualität oder Autonomie haben?
Sofort Apps wie Instagram oder Tiktok löschen! Sie vermarkten zwar Individualität, kreieren dabei aber nur Klone, unterminieren Selbstvertrauen und lenken Entscheidungen und Handlungen. Damit nehmen sie einem die Grundlagen, um selbstbestimmt und unabhängig durchs Leben zu gehen. Außerdem sollte man versuchen, öfter mal zur Ruhe zu kommen, denn man kann sich nicht selbst finden, wenn man permanent abgelenkt ist und von einer App zur nächsten springt. Eine Balance zwischen digitalem und analogem Leben ist wichtig, um herauszufinden, was man eigentlich will und welche Stärken und Schwächen man hat. Darauf aufbauend kann man dann durchaus gezielt digitale Angebote nutzen, um sich weiterzuentwickeln, zu lernen oder auch um Gleichgesinnte zu finden.

 

Wie würden Sie die Bedeutung von Technologie, Künstlicher Intelligenz in Bezug auf die Klimakrise und den Klimawandel beschreiben?
Sehr groß. Ohne neue Technologien werden wir es nicht ansatzweise schaffen, unsere Klimaziele zu erreichen. Wir brauchen effizientere Technologien für Energiegewinnung und -speicherung, die etwa die Ausbeute von Solarzellen oder Elektrolyseuren für die Wasserstoffherstellung erhöhen. Neben Technologien, die uns helfen unseren zukünftigen CO2-Ausstoss zu reduzieren, brauchen wir Technologien, die den angerichteten Schaden reparieren, zum Beispiel die oben genannte Carbon Capture-Technologie. Auch synthetische Biologie kann helfen, unsere Umweltsünden wieder ein wenig gut zu machen. Eine ganze Reihe an Laboren forscht beispielsweise an Bakterien, die sich mit Vergnügen durch Plastik fressen oder Bio-Kraftstoffe herstellen. Künstliche Intelligenz wiederum kann helfen, derartige Bakterien zu designen oder Prozesse in der Industrie zu optimieren und so den Energieverbrauch zu verringern. Bei dem Einsatz neuer Technologien muss man allerdings aufpassen, dass sie unter dem Strich tatsächlich eine positive Klimabilanz aufweisen und nicht mehr Schaden anrichten, als dass sie nützen. Wenn Tesla sich als grünen Vorreiter präsentiert und gleichzeitig Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptiert und promotet, ist das natürlich ein Witz.

 

Unterstützt der derzeitige Stand der digitalen Technologien die liberale Demokratie? Wirkt er erfolgreich auf die bestehenden Autokratien ein?
Im Moment, fürchte ich, spielen die digitalen Technologien eher den Autokratien in die Hände. Demokratische Aufsichtsbehörden hinken der technologischen Entwicklung notorisch hinterher, was bei digitalen Technologien und deren rasanten Ausbreitungsgeschwindigkeit verheerende Auswirkungen haben kann. Abgesehen davon haben wir ohnehin noch keine Lösung gefunden, um den Einsatz von Technologien auf einem globalen Level zu regulieren und auch zu kontrollieren. Autokratien dagegen haben weniger Skrupel, fragwürdige oder auch noch nicht ausgereifte Technologien zu nutzen. Überwachungstechnologie boomt und wie der Fall der Spionagesoftware Pegasus zeigt nutzen nicht nur autokratische Regime derartige Technologie, um politische Gegner zu bekämpfen. Das erodiert massiv das Vertrauen der Menschen in ihre Regierungen und damit das Grundkapital einer funktionierenden Demokratie.
Als Beleg für den Erfolg von Demokratie wird häufig angeführt, dass vor allem in den letzten 30 Jahren die Anzahl an demokratisch geführten Ländern sprunghaft gestiegen ist. Doch seit etwa 15 Jahren, also seitdem die digitalen Technologien abgehoben haben, hat die Entwicklung ein Plateau erreicht. Dagegen leben nun zwei Milliarden mehr Menschen unter autokratischen Regimen und über 700 Millionen Menschen weniger in Demokratien, als noch 2005. Das sind natürlich noch keine kausalen Zusammenhänge. Doch es ist ein Hinweis darauf, dass es Demokratien im digitalen Zeitalter nicht zwangsläufig leichter haben sich durchzusetzen und zudem viel mehr Menschen unter der Herrschaft von Autokratien stehen. Das ist keine beruhigende Entwicklung.

 

Was ist für Sie die am besten geeignete Gegenmaßnahme für dem Massenkonsum, der nicht in Einklang mit den uns zu Verfügung stehenden Ressourcen ist?
Die eine goldene Lösung gibt es leider nicht. Wir müssen es irgendwie schaffen, die Folgen unseres Konsums wieder fassbarer zu machen, denn in der heutigen Welt ist es viel zu einfach, die Auswirkungen auszublenden, wenn man nicht direkt mit ihnen konfrontiert ist. Auch hier müssen wir auf Information und Aufklärung setzen, um den Menschen begreiflich zu machen, was Massenkonsum anrichtet, und Konzepte aus der Kreislauf- und Gemeinwohlökonomie näherzubringen. Von staatlicher Seite sollten wir diese Konzepte fördern, also für Firmen Anreize schaffen, tatsächlich nachhaltig zu produzieren, und andererseits Überproduktion und daraus resultierende Praktiken wie die Zerstörung von nagelneuen Produkten sanktionieren.

 

Wie sieht für Sie das ideale Arbeitsumfeld mit Blick auf technologische Unterstützung aus?
Technologie ist für mich bei aller Faszination kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Sie sollte mich also beim Arbeiten unterstützen und keinesfalls mehr Probleme schaffen als sie löst. Idealerweise habe ich also digitale Tools, die intuitiv zu bedienen sind, wenig Aufwand meinerseits brauchen, um zu funktionieren und die gut ineinandergreifen. Außerdem schätze ich die Möglichkeiten von Remote Work sehr, muss aber selbst häufig aufpassen, dass ich rechtzeitig abschalte und die Arbeit nicht zu sehr in mein Privatleben eingreifen lasse. Funktionen, die mir helfen Pausen einzuplanen oder rechtzeitig Feierabend zu machen, sind mir daher sehr willkommen. Gleichzeitig ist mir sehr wichtig, immer noch direkten Kontakt zu Kollegen und Kunden zu haben. Technologie kann diesen Kontakt und Austausch nicht ersetzen.

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