Aktuelles | 18.04.2024 | Goldmann

Interview mit Dr. Meg Arroll zu ihrem Buch »Wenn sich nichts richtig anfühlt«

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Cover

Was hat Sie dazu inspiriert, sich mit kleinen Traumata und ihren Auswirkungen auf unser tägliches Leben zu beschäftigen?

Ich habe mich schon immer für die versteckten und stigmatisierten Bereiche des Lebens interessiert, für die verborgenen Winkel, in denen private innere Kämpfe ausgetragen werden. Aber ich interessiere mich auch für die Auswirkungen, die vorherrschende soziale Normen und gesellschaftliche Erwartungen auf uns als Individuen haben. Meine Forschung und Praxis haben sich immer auf diese beiden Aspekte konzentriert, und als ich die Vorlesungsfolien für ein Modul mit dem Titel »The Psychology of Physical Illness« (Die Psychologie körperlicher Krankheiten) aktualisierte, stieß ich auf eine Studie, die die gesundheitlichen Ergebnisse von Menschen verglich, die in ihrem Leben große oder kleine Traumata erlebt hatten. Als ich diese Studie las, war meine Arbeitshypothese, dass sich beide Arten von Traumata auf die Gesundheit der Teilnehmer auswirken würden, dass aber das schwerwiegendere Trauma zu stärkeren psychischen und körperlichen Symptomen führen würde. Die Ergebnisse der Studie zeigten jedoch – und das war einer dieser erhellenden Momente in meinem Berufsleben –, dass die kleineren Traumata im Laufe der Zeit mit stärkeren Symptomen einhergingen. Diese Ergebnisse haben mir eine neue Sichtweise auf das Thema Trauma eröffnet. Ich konnte die Zusammenhänge in meinem eigenen Leben und später in meiner privaten Praxis erkennen. 

 

Können Sie den Lesern, die mit dem Begriff noch nicht vertraut sind, kurz erklären, was mit »kleinen Traumata« gemeint ist?

Hier kann es helfen, einige Beispiele für kleine Traumata zu nennen. Es ist aber wichtig darauf hinzuweisen, dass kleine Traumata kumulativ sind und dass ihre Auswirkungen im Allgemeinen auf die Anhäufung aufeinander folgender, kleinerer negativer Erlebnisse zurückzuführen sind (obwohl ein einzelnes kleines Trauma je nach den früheren Erfahrungen und den aktuellen Ressourcen erhebliche Auswirkungen auf eine Person haben kann). Eine schlechte Eltern-Kind-Beziehung, wiederholte Mikroaggressionen am Arbeitsplatz, medizinisches Gaslighting, Stellvertreter-Traumata, das Zerbrechen wichtiger Freundschaften, toxische Positivität in der Gesellschaft oder Verrat durch geliebte Menschen sind Formen kleiner Traumata und können zu maladaptiven Denk- und Verhaltensmustern führen, die sich darauf auswirken, wie wir uns selbst und die Welt um uns herum wahrnehmen. Zu diesen Mustern (oder Themen, wie ich es im Buch nenne) gehören chronischer Stress und Angst, emotionale Abstumpfung und Stagnation, Perfektionismus, Frustessen und Schlafstörungen, um nur einige Beispiele zu nennen.

 

Ihr Buch enthält viele praktische Übungen. Können Sie eine Übung beschreiben, die wir in unseren Alltag einbauen können, um diese kleinen Traumata zu erkennen und zu bewältigen?

Kleine Traumata tragen oft zu übermäßig harten und kritischen Gedanken bei, die maladaptive Muster aufrechterhalten. Um diese zu überwinden, schlage ich einen dreistufigen WLF-Prozess vor, der auf Techniken und Theorien der kognitiven Verhaltenstherapie basiert.

Bei sich wiederholenden und negativen Gedankenmustern, fragen Sie sich selbst:

W für wahr: Ist dieser Gedanke wahr? Wenn ja, was ist der Beweis dafür?

L für logisch: Ist dieser Gedanke logisch? Ergibt er objektiv Sinn?

F für freundlich: Ist dieser Gedanke freundlich? Wenn nicht, was hat diese Art zu denken für eine Funktion?

Wenn Sie dann feststellen, dass der Gedanke unzutreffend ist, keinen objektiven Sinn ergibt und unfreundlich ist, gibt es dann eine mitfühlendere und zutreffendere Wahrnehmung, die ihn ersetzen könnte? Selbstmitgefühl ist eine Superkraft, nicht nur wenn es um kleine Traumata geht, sondern im Leben allgemein.

 

Welches sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Missverständnisse über die Auswirkungen kleiner Traumata, und wie werden diese in Ihrem Buch angesprochen oder korrigiert?

Der Hauptirrtum besteht darin, dass kleine Traumata keine Auswirkungen auf den Menschen haben, d.h. nicht von Bedeutung sind. Wir neigen deswegen dazu, sie unter den Teppich zu kehren, bis uns alles, ohne zu wissen warum, um die Ohren fliegt. Dieses Wegschieben von kleinen negativen Erlebnissen hindert uns daran, ein starkes psychologisches Immunsystem aufzubauen. Wenn wir jedoch beginnen, kleine Traumata zu erkennen und ALLE Erlebnisse, die wir machen, unabhängig von ihrer wahrgenommenen »Größe«, zu validieren, können wir beginnen, adaptive Bewältigungsstrategien zu entwickeln, die unsere psychische und emotionale Widerstandsfähigkeit und unsere Fähigkeit, sowohl mit kleinen als auch großen Traumata umzugehen, stärken. Es ist Fakt, dass wir alle durch schwere Zeiten gehen. Durch die Anwendung meines BAA-Ansatzes (Bewusstmachung, Akzeptanz, Aktion) können wir oben Genanntes überwinden und im Leben Erfolg haben. Wie das Sprichwort besagt, ist Vorsorge besser als Nachsorge. In diesen schwierigen Zeiten brauchen wir Formen der frühzeitigen psychologischen Intervention, anstatt zu warten, bis die Menschen aufgrund von Entmutigung, Stigmatisierung und Gaslighting einen Krisenpunkt erreichen.

Ein weiterer Irrglaube ist, dass ein schweres Trauma zwangsläufig zu psychischen Problemen führt. Etwa die Hälfte der Menschen, die einschneidende negative Erlebnisse wie Missbrauch in der Kindheit, das Miterleben einer Naturkatastrophe oder einen gewalttätigen Übergriff erlebt haben, entwickeln diagnostizierbare psychische Probleme. Das bedeutet, dass 50 % der Menschen, die ein großes Trauma erleben, nicht psychisch krank sind. Diese Menschen scheinen Bewältigungsmechanismen erlernt zu haben, die es ihnen ermöglichen, mit dem erlebten Trauma umzugehen. Außerdem können große Traumata allein nicht den enormen Anstieg von Angststörungen und Depressionen erklären. Die Weltgesundheitsorganisation berichtet, dass die COVID-19-Pandemie weltweit zu einem Anstieg von Angstzuständen und Depressionen um 25 % geführt hat, obwohl viele dieser Menschen nicht direkt vom Coronavirus betroffen waren. Wenn wir uns bei unserer Hilfe und Unterstützung nur auf das große Trauma konzentrieren, übersehen wir einen wichtigen Teil des Puzzles und erweisen den Menschen einen schlechten Dienst, die unter den kumulativen kleinen Traumata leiden, die in letzter Zeit weit verbreitet sind.

 

Wie hat sich Ihrer Meinung nach die gesellschaftliche Wahrnehmung von psychischer Gesundheit im Laufe der Jahre verändert, und welche Rolle spielen kleine Traumata dabei?

Als Gesellschaft haben wir große Fortschritte in dem Diskurs über psychische Gesundheit und insbesondere über generalisierte Angststörungen und klinische Depressionen gemacht. Wenn die Symptome einer Person jedoch nicht genau zu einer bestimmten Diagnose passen oder auf ein bestimmtes Trauma zurückzuführen sind, wird ihnen in der Regel weniger Einfühlungsvermögen und Verständnis entgegengebracht. Dies hat zur Folge, dass viele Menschen an der Grenze zwischen psychischem Wohlbefinden und diagnostizierbarer psychischer Erkrankung leben und kaum Zugang zu medizinischer Versorgung und Unterstützung haben.

Man vergisst heutzutage leicht, dass die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) erst 1980 in den Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen (die Bibel der Psychiater und Psychologen für psychische Erkrankungen) aufgenommen wurde, und dass ihre Aufnahme sehr umstritten war. Davor wurden Menschen, die aufgrund eines schweren Traumas an einer schwerwiegenden psychischen Störung litten, weitgehend ignoriert und von der notwendigen medizinischen Versorgung ausgeschlossen. Unser Wissen und Verständnis von Traumata und psychischer Gesundheit entwickelt sich weiter, und mit der Zunahme psychischer Probleme müssen wir auch unseren Umgang und unser Verständnis mit kleinen Traumata weiterentwickeln und Menschen, die mit den verschiedensten Herausforderungen des Lebens konfrontiert sind, Unterstützung anbieten.

 

 

 

 

© Goldmann Verlag
Interview: Sarah Bergius
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